Töpferort

„Der Töpferort Adendorf. Seine Entwicklung in den letzten 30 Jahre und ein Ausblick in die Zukunft“

von Ursula Perkams.

Auszug aus „Die Adendorfer Töpfer im Wandel der Zeit“ 1991 (mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Der Töpferort Adendorf wurde zu einem Zeitpunkt einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als sein alteingesessenes Handwerk nur noch durch wenige Töpfereien repräsentiert war. In seiner wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und baulichen Entwicklung maßgeblich durch sein ton- und erdverbundenes Gewerbe geprägt, hat er in den letzten 30 Jahren sein Gesicht gewandelt. Auch der Töpferort oder die vielmehr in ihm heimischen „Kannenbäcker“ haben, um zu überleben, den Sprung in die Gegenwart machen müssen. Die Rationalisierung der Arbeitsprozesse und, damit verbunden, die Umstrukturierung der Werkstätten sowie ein neues Standbein in der Handelskette haben sich auch äußerlich auf den Töpferort ausgewirkt. Heute erkennt man Adendorf nicht mehr – wie das noch in den sechziger Jahren der Fall war – an den riesigen Holzstapeln, die am Rand der Betriebe lagerten, oder an den lodernden Flammen, die beim Schlussbrand und Salzen aus den Salzlöchern dern Langöfen schlugen und Rauchfahnen über dem Dorf bildeten, sondern an schmucken, großfenstrigen Läden und Vitrinen, deren Inhalt von der Kunstfertigkeit, Vielfältigkeit und Solidität der hiesigen „Krugbäcker“ zeugt. Gerade auch diese Fähigkeit der hiesigen Töpfer, Notzeiten durchzustehen und durch Anpassung und Fleiß zu überwinden, dabei aber doch der ererbten Tradition treu zu bleiben, verdankt Adendorf als Töpferort sein Überleben bis in die heutige Zeit. Die Geschichte des rheinischen Steinzeugs hat sich vorwiegend in Dörfern vollzogen. Adendorf als Töpferort gehört heute zu den wenigen noch lebendigen Zeugnissen dieser rheinischen Tradition.

Heute ist der Töpferort Adendorf bei ca. 1600 Einwohnern nur noch durch 10 Betriebe repräsentiert, von denen 7 die alte Steinzeugtradition mit Salzbrand und das Drehen mit der Töpferscheibe beibehalten haben. Der Betrieb von Kurt Heinevetter hat sich auf die Produktion von Gartenkeramik und Pflanzschalen, die der Meister kunstvoll auf der Töpferscheibe zu drehen versteht, umgestellt. Die Töpferei von Peter Gütten Söhne setzt Leo Gütten fort, der Zier-, Andenken- und Gartenartikel aus Ton aber ohne Salzglasur und Töpferscheibe herstellt. Aus der 1893 gegründeten Töpferei von Wilhelm Söndgen, die 1949 von der graublauen Steinzeugproduktion zur Gartenkeramtherstellung überging und 1967 die industrielle Fertigung aufnahm, hat sich als „Wilhelm Söndgen GmbH“ heute der modernste Hohlkeramikbetrieb der Welt entwickelt, der Werke in Adendorf und Gelsdorf und einen weltweiten Vertrieb hat.

Tonabbau und -aufbereitung

Es hat Familien gegeben, die ausschließlich mit dem Tonabbau oder mit der Tonaufbereitung beschäftigt waren. Der Tonabbau in der Adendorfer Tongrube ist heute nicht mehr in der Hand einer Adendorfer Familie. Das am 3. Oktober 1949 gegründete Tonbergbauunternehmen, die "Adendorfer Tonbergbau GmbH", nach ihrem Begründer auch "Grube Fischer" genannt, wurde 1990 an die Firme Villeroy und Boch AG verkauft. Einige Adendorfer Töpfereien verwenden nur die "Fischer-Tone", andere verarbeiten fast ausschließlich Tone aus auswärtigen Gruben, während manche auch auf fertige Mischungen zurückgreifen. Denn auf die richtige Mischung kommt es an. Und die kennt jeder Töpfer selbst am besten. Heute hat jede Töpferei ihre eigene Tonaufbereitungsanlage, die entsprechend den technischen Neuerungen und geänderten Produktionsbedingungen einem ständigen Modernisierungsprozess unterliegt.

Holzfällerarbeiten und Fuhrbetriebe

Nach Anschaffung der kleinen Gaskammeröfen 1975 wird auch der Schluss- und Salzbrand nicht mehr mit Buchen- oder Eichenholz durchgeführt. Damit entfiel auch das umfangreiche Arbeitsfeld der Holzfäller, Holzspalter und Fuhrbetreiber. Bedenkt man, dass bei einem einzigen Brand in den alten deutschen Langöfen 25 Raummeter Holz verbraucht wurden, kann man sich gut vorstellen, wieviel Menschen in Adendorf damit beschäftigt waren, das Holz im Kottenforst zu schlagen und zu den Töpfereien zu bringen. Heute steht auf dem Dorfplatz der Nachbau eines Kasseler Langofens, der an den Töpfertagen nach dem alten Brennverfahren in Betrieb genommen wird.

Brennspezialisten

Das Brennen in den alten liegenden Flammöfen, die 8 bis 10 Meter lang waren, nahm bis zu 60 Stunden in Anspruch und erforderte erfahrene Fachleute, die auch das Salzen beherrschten; denn von dem Erfolg eines Brandes hingen sowohl die Qualität der Gefäße als auch die Verlustrate zu Bruch gegangener Scherben ab. In der Regel bediente ein Spezialist für das Brennen und Salzen mehrere Töpfereien.

Der Arbeitsmann

Er war in jeder Töpferei unentbehrlich und war in der Regel ein „Adendorfer Junge“. Auch er war ein Fachmann eigener Art, der von Jugend auf mit allen schweren Arbeiten und Handgriffen vertraut war, die in einer Töpferei anfallen. Eine besondere Ausbildung dafür gab es nicht. Besonders das Ein- und Aussetzen der alten Öfen war eine Arbeit, die Kraft und Geschicklichkeit aber auch Behutsamkeit und Geduld erforderte, denn Produkte aus Ton stehen immer auf tönernen Füßen. Der Arbeitsmann ist auch heute noch unentbehrlich in den Adendorfer Töpfereien, verrichtet er doch zusammen mit Meister und Gesellen alle schweren Arbeiten. Leider gibt es heute nur noch selten den in Adendorf geborenen oder aufgewachsenen, von Jugend auf mit dem Töpferhandwerk vertrauten Arbeitsmann. Heute ist man auf Arbeitskräfte von außerhalb angewiesen.

Die Rolle der Frauen

Wie eh und je liegt die Verzierung der Gefäße durch Malen – in Adendorf durch das Bemalen mit Smalte auch „Blauen“ genannt – oder Ritzen in der Hand der Töpferfrauen. Fast jede Töpferei hat auch heute noch einen festen Stab von Frauen, die die Arbeit des Henkelns, des Blauens und Ritzens (Redtechnik) verrichten.

Sie malen oder ritzen ihr Muster ohne Schablone mit lockerem und schnellem Schwung auf die Gefäße, wobei manche Töpfereien auch heute noch bestimmte, in ihrer Familientradition überlieferte Muster oder Motive verwenden. Auch wenn eine Serie gleich geformter Gefäße hintereinander mit dem gleichen Muster bemalt wird, so gleicht doch kein Gefäß dem anderen, sondern jedes hat seinen eigenen individuellen Charakter. Hierin liegt der besondere Charme des handgedrehten und handbemalten Steingutgeschirrs aus Adendorf, das seinen Preis wert ist. Nach dem Urteil des die Form schaffenden Künstlers ist der Kunstgrad der Verzierung umso höher zu bewerten, als sich die Linie oder das Dekor der Form des Gefäßes anpassen, diese eher betonen als durch unnötigen Zierrat von ihr ablenken.

Natürlich ist es ein Unterschied im Aufwand und in der Kunstfertigkeit, ob nun eine Palette gepresster Heringstöpfe oder eine große, in zwei Teilen gedrehte Bodenvase zu bemalen, zu ritzen oder mit Einlegearbeiten zu verzieren ist. Die Geschicklichkeit und die Begabung, die die Adendorfer Frauen beim Verzieren der Gefäße beweisen, sind beachtlich; denn hier machen Talent und Übung, nicht aber eine Ausbildung den Meister. ...

Töpfermeister und –gesellen

Übung macht den Meister. Diese allein reicht heute nicht mehr; denn erst die Ausbildung gibt dem Töpfer den Meistertitel. Das gilt insbesondere für die Adendorfer Töpfer, die von Jugend auf die Gelegenheit haben, die Kunst des Drehens auf der Töpferscheibe zu üben, sich alle Handgriffe des Töpferhandwerks anzueignen und in die Geheimnisse dieses ursprünglichen und vielseitigen Berufs hineinzuwachsen. ... Heute werden Gesellen- und Meisterprüfungen abgelegt. Es gibt einen Gesellen- und einen Meisterprüfungsausschuss.

Zwölf Jahre lang war Töpfermeister Johann Peter Söndgen der Vorsitzende des Gesellenprüfungsausschusses und nahm in seinem Betrieb in Adendorf die praktische Prüfung ab, während die Theorie in der Glasfachschule in Rheinbach gelehrt und geprüft wurde, der seit 1978 eine Keramikklasse angegliedert ist. Davor musste man, um die Gesellenprüfung abzulegen, zum Blockunterricht an die Landesfachschule für Keramik in Büsum/Holstein gehen. ... Als Geselle hat sich der Töpfer die Grundlagen erworben, eigenständig zu arbeiten und neue Glasuren und komplizierte Formen auszuprobieren. Zusätzlich hat er die Gelegenheit, sich an der Staatlichen Keramikfachschule in Höhr-Grenzhausen fortzubilden, an der er schließlich, in Theorie und Praxis geprüft, seinen „Meister“ erwerben kann.

In den Töpfereien in Adendorf finden wir also heute Väter und Söhne als Meister und Gesellen, aber auch Dreher/innen und Keramikmaler/innen als Gesellen und Meister, die von auswärts kommen. ... Es wird im Akkord gedreht, gepresst und gegossen, gemalt und geritzt, es sei denn, es entstehen besonders kunstvolle Gefäße. Für das Einsetzen, Brennen und Aussetzen der modernen Schnellöfen sind die Meister selbst zuständig in Zusammenarbeit mit den Arbeitern ihres Betriebes. ...

Töpferort Adendorf

Es bleibt festzustellen, dass nicht nur die Zahl der Töpfereien abgenommen hat, sondern auch ganze Erwerbszweige in Adendorf ihre Existenzgrundlage verloren haben. Töpferort Adendorf bedeutet heute nicht mehr ein Dorf, das vorwiegend von der Töpferei lebt, dessen Bevölkerung reich ist, wenn der Keramikmarkt blüht, und arm, wenn keine Nachfrage herrscht, sondern ein Dorf, in dem Werkstätten überlebt haben, die das angeblich älteste Handwerk der Welt auf moderner, wirtschaftlich gesunder Grundlage fortsetzen.